[…]

Je höher die Straße führte, desto mehr Unruhe war zu spüren.

Malory erkannte, dass nun wohl jeder Mann und jede Frau mitbekommen haben musste, was da unaufhaltsam näherkam.

Sie rannten vorbei an einem Pflegeheim. Jedes Fenster dort war aufgerissen. Überall standen junge Frauen in den Räumen, bekleidet mit rosa-weiß gestreiften Schwesterntrachten. Malory empfand tiefe Achtung und großes Bedauern. Denn hinter jedem Fenster waren auch Patienten, die auf Hilfe angewiesen waren. In den Augen einer jeden Krankenschwester sah sie die Angst und die Zerrissenheit zwischen der Pflicht, an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben, um zu helfen, aber auch dem dringenden Wunsch, zur eigenen Familie zu rennen und zu flüchten.

Mitten im Rennen schaltete sich plötzlich Malorys Verstand wieder ein und fragte sie, warum es auf einmal so aussah, als würde ihr Mann jetzt SIE retten und nicht umgekehrt?!

Außer Atem verlieh sie ihrer inneren Stimme Ausdruck und rief ihm zu: „Wie meintest du das eben? Du wusstest das hier alles schon? Woher? Und warum seid ihr überhaupt hier bei mir? Wie habt ihr mich bloß so schnell gefunden?“

Steven versuchte, das Tempo noch weiter zu erhöhen, indem er die Hand seiner Frau fest umfing und unterstützend etwas an ihr zog. Ihre Fragen irritierten ihn. „Aber Schatz, du hast doch angerufen!“

Malory hatte das Gefühl, im falschen Film zu rennen. Völlig außer Puste schrie sie zurück: „Was? Das stimmt doch gar nicht! Ich habe mit irgendeiner fremden Frau gesprochen. Das kann unmöglich sein! Und selbst wenn sie dich anschließend tatsächlich gefunden und erreicht hätte, hättest du doch niemals so schnell hier sein können?!“

Verwirrt und hektisch suchte sie gleichzeitig weiter nach einem geeigneten Fluchtweg und entdeckte eine Seitenstraße, die noch weiter berghoch zu führen schien. Sofort begann sie, an Stevens Hand zu zerren, damit er ihr mit Sarah dorthin folgte.

Doch der zog seine Frau, ohne ihrem Ziehen nachzugeben, weiter geradeaus. „Nein, Schatz, wir müssen hierher.“

Malory schrie verzweifelt: „Aber Steve, komm! Da geht es höher, glaube ich. Lass uns diesen Weg nehmen! Geradeaus ist es nicht hoch genug!“

Überrascht nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, wie ihre Tochter heftig ihren süßen Kopf schüttelte. „Mommy, komm mit Daddy mit! Da drüben steht unser Auto, sieh doch!“

Die kleine Sarah streckte ihre Fingerchen aus und deutete ein paar Meter weiter auf einen großen, silbernen Wagen.

Obwohl das Ganze immer verwunderlicher wurde, begann sich in Malory eine große Welle der Erleichterung auszubreiten, als sie den Wagen entdeckte.

„Oh Gott, Steve! Ihr seid mit dem Auto hier?! Wie kann denn das alles bloß sein?“

Steven lächelte. „Schatz, es wird Zeit, dass du endlich anfängst, an dich und deine Fähigkeiten zu glauben! Du hast uns doch vor dem Feuer gewarnt. Da haben wir schnell das Allernötigste zusammengepackt, das Auto in sicherer Höhe abgestellt und dich geholt. Du bist in Sicherheit! Wir alle drei sind in Sicherheit! Wir können jetzt schnell hier fortfahren und uns einen Ort suchen, wo uns nichts mehr geschehen kann! Na komm, steig ein. Ich bringe uns jetzt weg von diesem Alptraum hier!“

Er öffnete die Wagentür und Malory ließ sich dankbar und völlig erschöpft auf den Rücksitz fallen. Sie nahm ihre kleine Tochter auf den Schoß und drückte Sarah fest an sich. Dann gab Steven ihr noch einen zärtlichen Kuss, schloss die Tür und stieg vorne ein.

Sie fuhren eine Bergstraße hinauf, die Mal vorher noch gar nicht bemerkt hatte. Auf der Kuppe angekommen, konnte sie zum ersten Mal das ganze Ausmaß des pulsierenden tödlichen Vulkanausbruchs sehen und erschrak. Das Tal sah aus, als würde sich ein großer, breiter Feuerfluss unersättlich immer weiter ausbreiten. Es sah aus, als würden immer neue Dämme brechen, wodurch sich die brennende Erde unaufhaltsam weiter und weiter ausdehnen konnte. Es gab nur noch einige wenige befahrbare Straßen, die aus dem Inferno herausführten.

Erschöpft schloss Malory die Augen. Sie hatte genug davon. Was auch immer ihr diese alte Oma mit der Hornbrille und den seltsam vertrauten Augen da für ein Handy gegeben hatte, es war ein Wundergerät gewesen!

Während des Telefonierens war sie sich noch sicher gewesen, einen Altenheim-Notruf am anderen Ende zu haben, aber mittlerweile fragte sie sich, ob es wohl sein konnte, dass sie ihren persönlichen Schutzengel angerufen hatte?! Denn eigentlich war es nicht mehr sie, die ihre Familie gerettet hatte, sondern es war ihr Mann gewesen, der sie aus der Hölle herausgeholt hatte. Und er hatte ihr auch ihre wundervolle, geliebte kleine Tochter Sarah wiedergebracht, die sie bestimmt nie mehr loslassen wollte.

Bei diesen Gedanken öffnete Malory langsam wieder ihre Augen und blickte auf das kleine Mädchen, das in ihren Armen eingeschlafen war. Zärtlich strich sie ihrer Tochter eine Locke aus dem Gesicht. Wie hatte sie bloß für einen einzigen Moment vergessen können, dass sie diesem geliebten Wesen vor drei Jahren das Leben hatte schenken dürfen?

Jetzt erinnerte sie sich wieder ganz klar, wie stolz Steve ihr das kleine Bündel in den Arm gelegt und sie angestrahlt hatte. Sie hatten beide vor Glück und Dankbarkeit geweint. Es war das gleiche Gefühl gewesen, das sie auch jetzt in sich spürte, während ihr Kopf langsam müde zur Seite sackte …

Als Malory wieder aufwachte, sah sie aus dem Fenster und war erleichtert, dass ihr Ehemann sie mittlerweile weit aus der Gefahrenzone herausgefahren hatte. Die schreckliche Nacht hatte sich bereits gelegt und ein erster, orangefarbener Streifen am Horizont kündigte die aufgehende Sonne an. So weit das Auge reichte, sah sie nur herrliche Sommerwiesen, bestellte Felder und friedlich inmitten von großen Eichen und Kastanien liegende, große Bauernhöfe.

Und plötzlich sah sie sie. Sie flogen mitten in den Sonnenaufgang hinein und schienen nach ihr zu rufen.

Konnte das möglich sein? Malory kniff ihre Augen zusammen, um besser sehen zu können. Wieder hörte sie das intensive Schreien der Vögel und sie war sich sicher: Sie hatte diese beiden Falken schon einmal gesehen! Sie hatten ihr schon einmal zugerufen! Sie erinnerte sich nur nicht mehr genau daran, wo das gewesen war?!

Sie war ergriffen von dem wundervollen Anblick dieser Tiere, die so fern von ihr im Himmel flogen und ihr doch gleichzeitig so seltsam nah erschienen.

Begeistert lehnte sie sich etwas vor und berührte die rechte Schulter ihres Mannes. „Steven, sieh doch nur! Da sind sie wieder. Das sind die beiden Falken, von denen ich dir im letzten Sommer erzählt habe. Sie sind wieder da. Sie rufen nach mir. Sieh doch nur Schatz, wie wunderschön sie sind! Sie zeigen uns den Weg. Ich bin mir ganz sicher! Wir müssen ihnen folgen! Schatz, fahr in den Sonnenaufgang hinein! Oh Steve, jetzt wird alles wieder gut …!“

 

In dem Moment, als Steven Carter den Gurt um seine Patientin enger zog, fing sie an, sich zu rühren. Er zuckte kurz zurück bei ihrer so völlig unerwarteten Bewegung. Dann griff er nach seiner kleinen Lampe und leuchtete in ihre Augen, um die Reflexe zu kontrollieren. Die schwarze Pupille zog sich sofort zusammen.

Malory stieß einen abwehrenden Laut aus, weil das Licht sie blendete.

Augenblicklich zog der Notarzt seine Lampe zurück. „Miss Sullivan? Können Sie mich hören? Mein Name ist Doktor Steven Carter. Malory, hören Sie mich?“

Erleichtert stellte er fest, dass endlich wieder Leben in ihre Glieder zurückzukommen schien und ihr Blick langsam klarer wurde. Er sah, wie ihre Augen sich auf ihn richteten und unvermittelt zu strahlen begannen. Doch ihre Worte schockierten ihn förmlich.

„Steve! Schatz! Ich bin so glücklich. Du hast es geschafft! Du bist den beiden Falken wirklich gefolgt! Du hast uns drei gerettet!“

In diesem Moment funkelten ihre Augen wie lebendige, grüne Edelsteine. „Ich liebe dich, Schatz! Danke für alles!“

Malory wollte sich aufsetzen und ihren Mann innig in die Arme schließen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, es ging nicht. Irgendetwas Merkwürdiges schien sie daran zu hindern, sich aufzurichten und ihre Arme zu benutzen. Wahrscheinlich lag die kleine Sarah noch immer auf ihrem Schoß und ihre Muskeln waren ein wenig eingeschlafen. Das musste es sein!

Mal blickte an sich hinunter und sah verwundert, dass sie selbst es war, die irgendwie lag – nicht ihre kleine Tochter. Und nicht nur das. Jemand hatte sie auch noch an Bauch und Armen festgezurrt. Und irgendetwas piekste sie sehr unangenehm in ihrer Armbeuge.

Völlig verwirrt blickte sie wieder auf und sah ihren Mann fragend an. „Steve? Was soll das? Warum bin ich gefesselt? Was ist passiert? Und wo ist unser Kind?“

Panik durchfuhr sie. „Oh mein Gott, Sarah. Wo ist Sarah?“

Verzweifelt fing sie an, an den Gurten zu ziehen und zu zerren. „Steven, mach mich los hier! Ich muss Sarah finden! Wo ist sie?“

Steven Carter verlor keine Sekunde Zeit. In Windeseile hatte er eine Spritze mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt und spritzte die erst Menge davon auf den Boden. Er setzte die Nadel an, und sah seiner Patientin kurz in ihre geweiteten Augen. „Sie müssen mich verwechseln Miss! Ich kenne keine Sarah. Und auch keine komischen Falken! Sie müssen sich beruhigen! Ihr Gehirn scheint Achterbahn mit Ihnen zu fahren.“

Dann stach er schnell und gekonnt in Malorys Arm. Sie wehrte sich mit allen Kräften und rüttelte an den Gurten, doch er hielt sie eisern fest, bis die Flüssigkeit vollständig in ihre Vene eingedrungen war.

Was machte dieser Mann da mit ihr? Wieder blickte sie ihn an. Dieses Mal allerdings nicht mehr mit Liebe, sondern mit offener Wut. „Steven, ich habe dir gesagt, du sollst mich los machen, hast du gehört?! Wie kannst du nur unser Kind verleugnen. Unser wunderbare Sarah. Und ich verwechsele dich ganz bestimmt nicht! Ich würde meinen wundervollen Ehemann unter allen Männern dieser Welt wiedererkennen! Mach diese schrecklichen Fesseln ab von mir! Sofort!“

Wieder versuchte sie durch Schütteln und Rütteln, die Gurte zu lösen. Doch die Wirkung der flüssigen Medizin setzte langsam ein und sie sank matt zurück. Sie sah noch, wie sich die großen Türen des Wagens öffneten. Erst jetzt entdeckte sie Nanny, die im hinteren Bereich saß und sie besorgt und gleichzeitig erfreut anschaute.

In der Tür meinte sie verschwommen, die Gestalten von Caroline und Call zu erkennen.

Benommen blickte sie wieder zu dem Mann, der sie gerade eben mit einer spitzen Nadel gefoltert hatte.

Die Erinnerung an ihre tiefen Gefühle für ihn wurden immer blasser und blasser. Wer war er doch gleich? Verdammt, dieses Mittel war wirklich stark. Eben hatte sie es doch noch gewusst?! Und wo war sie hier überhaupt? Wohin hatte er sie und ihre kleine … gebracht? Wieso konnte sie sich auf einmal an den Namen ihres süßen kleinen Mädchens nicht mehr erinnern?

Benommen versuchte sie, bei Bewusstsein zu bleiben. Das Sprechen fiel ihr schwer. „Nanny? Caro? Call? Warum lasst ihr zu, dass dieser Kerl mir das antut? Helft mir bitte und macht mich los, ja?!“ Dann fielen ihr die Augen zu und sie versank in einen tiefen, traumlosen Schlaf …

„Was hast du ihr gegeben, Steve?“ Call stieg in den Transporter, gefolgt von seiner Verlobten.

„Nur ein Beruhigungsmittel. Nicht viel, aber stark genug, dass sie jetzt eine Weile schläft. Sie hat phantasiert und ist fast durchgedreht.“

Dann wandte er den Kopf zu der alten Frau an der anderen Seite. „Okay, Lady Nanny. Jetzt Klartext bitte! Was hat das zu bedeuten, hm? Hat die junge Dame hier schon öfter solche Zusammenbrüche gehabt, mit anschließenden Phantastereien? Dass sie meinen Namen wusste, macht mir keine Sorgen. Wahrscheinlich hat sie in ihrer Bewusstlosigkeit doch irgendetwas mitbekommen. Nur weil die Pupillen stillstehen, heißt das nicht gleich, dass auch die Ohren nicht funktionieren. Aber alles andere ergibt so gar keinen Sinn.“

Nanny erhob sich von ihrem Platz und nahm Malorys schlaffe Hand in die ihre. „Sie hat uns nicht gehört, Doktor Carter. Sie hat eine Reise in ihr tiefstes Inneres gemacht und konnte den Ausweg nicht alleine finden. Für Sie mag das klingen wie ein schlimmer Traum. Aber es war kein Traum. Es war viel realer, als Sie es sich überhaupt vorstellen können. Aber sie hat es geschafft! Und wie mir scheint, waren Sie ihr Retter – hier wie da. Ich danke Ihnen dafür! Und um Ihre Frage zu beantworten: Ja, sie hatte das schon einmal. Allerdings nicht so auffällig und viel kürzer. Bitte bringen Sie meine Malory jetzt nach Hause. Ich werde sie behüten und auf sie Acht geben, bis es ihr wieder besser geht. Sie braucht kein Krankenhaus. Ihre Seele ist krank und auf der Suche. Da kann ihr kein Arzt helfen. Sie muss es schaffen, sich selbst zu helfen.“

Steven setzte gerade an, einen aufbrausenden Kommentar über diese völlig seltsame Erklärung loszulassen, als Caroline vor ihm das Wort ergriff: „Wie meinst du das Nanny? Was soll das heißen, dass Mals Seele krank ist und sie etwas sucht?“

Stevens Mund klappte wieder zu. Er war gespannt, was für ein wirres Zeug die alte Dame sich dieses Mal einfallen ließ.

[…]

 

 

Leseprobe I von Seite 139 – 145

LESEPROBE
Malory herunterladen, online blättern, Seite 139 - 145, Roman-Auszug, Flipbook